Bericht zum Workshop „From Lab to Orbit – Mikrogravitationsplattformen für zivile und sicherheitsrelevante Anwendungen”

Einleitung und Zielsetzung

Am 28. April 2026 kamen Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Industrie und Politik in der Deutschen Raumfahrtagentur in Bonn zusammen, um die Potenziale von Mikrogravitationsplattformen zu diskutieren. Im Fokus stand die Weiterentwicklung von sicherheitsrelevanten Anwendungen, einem Bereich, der zunehmend an Bedeutung gewinnt. Die Veranstaltung wurde von Dr. Thomas Driebe und Pia Thauer eröffnet, die das Programm „Forschung und Exploration“ sowie die strategische Ausrichtung des Space Innovation Hubs vorstellten. Dabei wurde von beiden die Bedeutung erdgebundener sowie orbitaler Mikrogravitationsplattformen in einer integrierten Forschungslandschaft für zukünftige Raumfahrtmissionen unterstrichen.

Impulse: Technologische Treiber und Sicherheitsrelevanz

Die Keynotes beleuchteten beispielhaft sicherheitsrelevante Anwendungsfelder von Technologien, die derzeit für die Raumfahrt entwickelt werden. Ein Schwerpunkt lag auf der präzisen Überwachung von Vitalparametern und der Unterstützung des Menschen in Extremsituationen. Prof. Dr.-Ing. Ulf Kulau von der Technischen Universität Hamburg erläuterte, wie moderne Sensortechnologien es ermöglichen, physiologische Daten in Echtzeit zu erfassen – eine Entwicklung, die nicht nur für die astronautische Forschung, sondern auch für terrestrische Einsatzfelder wie Rettungsdienste, Katastrophenschutz und extreme Umgebungen von entscheidender Bedeutung ist.

Ein weiterer Meilenstein wurde im Bereich der In-Orbit-Infrastruktur vorgestellt: Yannick Jégo von Airbus präsentierte die Bedeutung der In-Orbit-Betankung für die Raumfahrt. Diese Technologien bilden die Grundlage für eine nachhaltige, flexible und wirtschaftlich tragfähige Nutzung orbitaler Systeme – ein entscheidender Schritt hin zu einer dauerhaften Präsenz im Erdorbit.

Abgerundet wurde das Bild der technologischen Innovation durch die Quantentechnologie. Prof. Dr.-Ing. Patrick Scheele vom Ferdinand-Braun-Institut betonte die strategische Bedeutung hochpräziser Quantenuhren und fortschrittlicher Quantensensorik. Diese Technologien ermöglichen eine autonome Navigation, die unabhängig von bestehenden Satellitensignalen funktioniert – ein entscheidender Schritt hin zu technologischer Souveränität und sicherer Kommunikation, insbesondere in kritischen Sicherheits- und Verteidigungsanwendungen.

Plattformen für Forschung unter Mikrogravitation

Ein zentraler Bestandteil des Workshops war die Übersicht über die aktuellen und zukünftigen Testumgebungen für Forschung unter Mikrogravitation in Deutschland und Europa:

PlattformInstitution/AnbieterFokus / Besonderheiten
Fallturm & GraviTowerZentrum für angewandte Raumfahrttechnologie und Mikrogravitation (ZARM)Mikrogravitation für grundlagenorientierte wissenschaftliche Experimente mit geringen Restbeschleunigungen. Hohe Repetitionsraten. Mond- und Mars-Gravitation möglich
Einstein-ElevatorHannover Institute of Technology (HITec)Hohe Wiederholungsrate für Experimente, ideal für iterative Tests Großes Volumen, wenig Umbau erforderlich.
ParabelflügeNovespace im Auftrag der Deutschen Raumfahrtagentur im DLRExperimente aus allen Bereichen möglich: Biologie, Humanphysiologie, , Grundlagenphysik, Materialwissenschaften, Infrastruktur im Kleinformat, Technologietests. Spezielle Kampagnen mit Mondgravitation möglich
TEXUS/MAPHEUSAirbus/DLR-FMStartkapazitäten in Esrange (Schweden) über Land oder Andoya über See; flexible Missionsprofile für wissenschaftliche und technologische Experimente; 6 min Mikrogravitationszeit
Weitere FluggelegenheitenDLRPost-ISS-Plattformen und neue Anbieter orbitaler Plattformen für mittel- und langfristige Forschungskonzepte

Diese Infrastruktur bietet der deutschen Forschungslandschaft ein weltweit einzigartig breites Spektrum an Möglichkeiten – von kurzen Mikrogravitationsphasen bis hin zu längeren, kontinuierlichen Experimenten im Orbit.

Fazit und Ausblick

Der Workshop zeigte deutlich, dass sich die Nutzung des Orbits in einem tiefgreifenden Paradigmenwechsel befindet: Von rein wissenschaftlichen Missionen hin zu einer integrativen Forschungslandschaft, die auch sicherheitsrelevante Anwendungen, industrielle Innovation und strategische Souveränität berücksichtigt.

Ein zentrales Ergebnis war die Forderung nach einer stärkeren Vernetzung zwischen der Raumfahrtforschung und dem Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) und den Bedarfsträgern sicherheitsrelevanter Anwendungen im Allgemeinen.

Deutschland verfügt über eine exzellente Infrastruktur an Mikrogravitationsplattformen – eine Stärke, die nun genutzt werden muss, um die Lücke zwischen wissenschaftlicher Exzellenz und sicherheitspolitischer Anwendung zu schließen. Die Herausforderung der Zukunft liegt darin, Forschung, Technologie und Politik strategisch zu verbinden – um die Potenziale des Weltraums für Wissenschaft, Wirtschaft und nationale Sicherheit nachhaltig zu erschließen.

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